Heimweh nach einer anderen Welt

Ottessa Moshfegh

(Homesick for Another World, Kurzgeschichten), Liebeskind Verlag, München (2020)

Heimweh nach einer anderen Welt

Wann hat man sich je so nach einer anderen Welt gesehnt wie jetzt …

Ottessa Moshfegh beweist in jeder Kurzgeschichte ihren scharfen Blick und ihr meisterliches Talent

„Wenn Literatur uns einen Spiegel vorhält, damit wir uns selbst ein bisschen besser verstehen lernen, dann ist Heimweh nach einer anderen Welt altersfleckig und zerkratzt, und was wir darin sehen, ist meist grotesk verzerrt und stets erschreckend in seiner Wahrhaftigkeit. Moshfeghs Figuren erregen oft Abscheu und – seltener – Mitleid, ihre Geschichten tun weh, aber sie haben auch etwas Wohltuendes, etwas seltsam Tröstliches. Weil Moshfegh dem in unserer Gesellschaft allzu oft Verdrängten, weil sie Hässlichkeit und Verfall und Schmerz eine Stimme gibt. Heimweh nach einer anderen Welt funktioniert perfekt als Gegengift zur schönen neuen Unwirklichkeit der Selbstoptimierer, zu der Welt der Instagram-Girls und Diätgurus und Hygge-Magazine, in der Makel keinen Platz haben.“

Marcus Müntefering, Der Spiegel, 21.1.2020. Ganz schön hässlich. Wer Hygge sucht, ist bei US-Autorin Ottessa Moshfegh an der falschen Adresse. Sie erzählt hoffnungslose Geschichten von verpfuschten Leben – und das brillant.

„Was macht den Reiz dieser Storys aus, die doch eigentlich durchweg von seelischen Verletzungen und bitteren Lebenserfahrungen handeln? Die erste Antwort darauf lautet: Ottessa Moshfegh hat die Gabe, der Tragik des Scheiterns immer wieder auch komische Momente abzugewinnen – ohne ihre Figuren lächerlich zu machen. Es sind vor allen Dingen die Dialoge, die durch Wortwitz und lakonische Coolness bestechen.

In der letzten Erzählung dieses grandiosen Buches, übrigens treffsicher übersetzt von Anke Caroline Burger, treibt die Autorin allerdings Entfremdung und Lebenshass so auf die Spitze, dass nur noch der Tod als Ausweg bleibt – aus dem brennenden Wunsch heraus, an einen vermeintlich besseren Ort zu gelangen.”

Angela Gutzeit, Deutschlandfunk Büchermarkt, 29.1.2020, Das andere, hässliche Amerika.
Ottessa Moshfegh erzählt in ihren Short Storys davon, was für viele US-Bürger heute vom amerikanischen Traum übrig geblieben ist – ein Albtraum voller Ängste, Süchte und Selbsthass. 

„Moshfeghs Protagonisten haben ähnlich wie Sisyphos ihr Schicksal angenommen, aber aufgehört sich abzuplagen und auf das große Glück zu hoffen. Sie leben ihr trostloses Leben vor sich hin und nehmen mit, was es an kleinen Momenten des Glücks, der Liebe und Geborgenheit oder des schnellen Sex zu bieten hat. Sie sind selten stark, gut und klug, sondern meistens schwach, stumpf, dumm oder bösartig. Sie sind kurz gesagt Helden des Menschlich-Allzumenschlichen: ‚Meinen Freund konnte ich nicht ausstehen, aber die Gegend fand ich gut.’ Grell leuchtet Ottessa Moshfegh in ihren souverän erzählten und komponierten Stories den Kosmos der menschlichen Unvollkommenheit aus und verblüfft immer wieder mit drastischen Ver- und Entwicklungen sowie explosiven Pointen. Sie verurteilt ihre Protagonisten dabei nicht, sondern bestätigt mit Heimweh nach einer anderen Welt letztlich Theodor Adornos Diktum aus der Minima Moralia: ‚Es gibt kein richtiges Leben im falschen’.“

Karsten Hermann, Literaturkritik.de, 16.3.2020, Auf der anderen Seite des schönen Scheins

„Die Autorin ist eine Virtuosin des Abseitigen, Schmuddligen, Heruntergekommenen: Nachgerade zärtlich wählt sie etwa in ‚Durchgeknallt’ die Accessoires des Grauens, von den lahmen, parasitenverseuchten Palmen im Freien bis zur filzigen braungelben Häkeldecke, die ‚als dekoratives Element asymmetrisch über die Ecke des Betts’ drapiert wird.“

Angela Schader, Neue Zürcher Zeitung, 17.4.2020, Virtuosin des Abseitigen

„Ihr geht es aber ganz sicher um alles andere als um Authentizität. Sie versucht erst gar nicht, Authentizität zu behaupten. Ihre kleinen, abgedrehten Geschichten nehmen manchmal surreale Züge an und erinnern eher an große US-Erzähler wie Charles Bukowski, Raymond Carver, Richard Yates oder T. C. Boyle. Vielleicht liefert Moshfegh mit diesem drastischen Sound auch ein willkommenes Gegengewicht zu all den florierenden Betroffenheitsliteraturen und Opfererzählungen der Gegenwart.“

Jens Uthoff, Die tageszeitung, 23.2.2020, Urlaub in der Vorhölle. Ottessa Moshfegh erzählt in Heimweh nach einer anderen Welt Alltagsstories mit surrealen Zügen. Wer es fies und bitterböse mag, wird sie lieben.

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